Flachsröste Lohhof GmbH - Stätte von NS-Zwangsarbeit

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In der Flachsröste Lohhof bei Unterschleißheim erzwangen die Nazis von den Opfern ihrer Verfolgungsmaßnahmen die so genannte Zwangsarbeit. Für die meisten Frauen war der Lohhof nur eine Etappe in den Tod. Sie wurden ab November 1942 in Lager wie Kaunas, Piaski, Theresienstadt oder Auschwitz deportiert und dort umgebracht. Nur 30 Frauen sind bekannt, die überlebten. Eine von ihnen ist Judy Rosenberg. Sie überlebte Zwangsarbeit und die Shoah / Holocaust / NS-Judenverfolgung. Ihre Geschichte wird aufgearbeitet.

Zwischen 1939 und 1945 wurden viele Menschen aus Polen, Belgien und der Ukraine sowie über 200 Münchner Juden und Jüdinnen zur Zwangsarbeit gezwungen. Das „Jüdische Arbeitskommando Lohhof“ war eines der größten und gefürchtetsten Zwangsarbeitslager im Großraum München. Vor allem junge Frauen wurden dort zur harten körperlichen Arbeit herangezogen. Gemeinsam mit Kriegsgefangenen mussten sie für die deutsche Kriegswirtschaft den reifen Flachs ausrupfen und in kaltem Wasser einweichen, um dann den harten Kern aus der Faser zu lösen. Anschließend häckselten sie die Fasern und verarbeiteten sie zu Flachsgarn. Aus ihm entstanden unter anderem Seile und Zeltplanen.

Eine vorantreibende Rolle spielte die Münchner Arisierungsstelle, die sich dafür einsetzte, neben den Zwangslagern Milbertshofen und Berg am Laim auch auf dem Gelände der Flachsröste Lohhof ein Lager für bis zu 80 Münchner jüdische Frauen einzurichten. Es gab dort auch eine Gefangenenbaracke.


Archäologie in einer schwarzen Zeit

Heute liegt das ehemalige Gelände der Flachsröste in einem Industriegebiet nahe des S-Bahnhofs Lohhof. Das alte Fabrikgebäude steht noch. Wolfgang Christoph und Eva Lörinci haben über die Jahre eine Menge Material zusammengetragen und akribisch festgehalten, was zu erfahren war über die Entstehung des Betriebes, seines Fortgangs und über sein Ende im Jahr 1945.[1]

Die Stadt Unterschleißheim, vertreten durch das Kulturamt Unterschleißheim, führte ab Juli 2018 einen Kunstwettbewerb an der Akademie der Bildenden Künste in München durch. Gegenstand der Ausschreibung war die Planung eines Denkmals, das an die Zwangsarbeiter*innen erinnert, die während der NS-Zeit in der Flachsröste Lohhof eingesetzt wurden.

Die abschließende Jurysitzung hat im März 2019 stattgefunden. Die Kommission hat das eingereichte Konzept der Künstlerin Kirsten Zeitz zur Realisierung ausgewählt.[2]

Rolf Grabower

Der Jurist Grabower ( 1883 — 1963)[3] wurde im April 1941 gezwungen, die Arbeit der Gefangenen für die Nazis nach deren Anweisungen zu organisieren. Ab dem 19. Juni 1942 wurde er 37 Monate im Konzentrationslager Ghetto Theresienstadt gefangen gehalten.[4] Nach der Befreiung wurde er vom 11. Juli bis Mitte Oktober 1945 wieder höchster Reichsrichter beim nun Bayerischen Obersten Finanzgerichtshof in München. Am 18. Oktober 1945 wurde er zum Oberfinanzpräsidenten in Nürnberg ernannt. Er erließ Maßnahmen zur Erfassung des Schwarzhandels. Ende März 1952 wurde er pensioniert.

Die Quellenlage über den Lohhof galt als sehr schwierig, da viele Unterlagen vor der Befreiung im April 1945 verbrannten. Erst der überraschende Fund der Tagesberichte von Rolf Grabower gewährte Einblicke in den Alltag der Zwangsarbeiter.


Der am 7. März 1963 in München verstorbene Rolf Grabower ist nicht vergessen. Das Hörsaalgebäude der Fachhochschule für Finanzen trägt nun seinen Namen.

Maximilian Strnad

Der Autor des Buchs, Maximilian Strnad, wurde mit der Dissertationsarbeit über: „Privileg Mischehe? Handlungsräume sogenannter „jüdisch-versippter“ Familien 1933-1949“. von der LMU 2017 promoviert[5].

Obwohl die Aufzeichnungen Grabowers schon seit Mitte der 1950er Jahre in mehreren Archiven öffentlich zugänglich sind, wurde das einzigartige Dokument von der deutschen Historiografie nicht beachtet. Erst Maximilian Strnad bearbeitete die Informationen dieses Textes.

Ein Schwerpunkt seiner auf 480 Stunden angesetzten Untersuchung liegt auf der Rekonstruktion der Personalien derjenigen, die als Zwangsarbeiterinnen in Lohhof schuften mussten.

Judy Rosenberg, geb. als Judith Hirsch

Drei Schüler des Carl-Orff-Gymnaisums haben Judy Rosenberg getroffen und ihren Lebensweg recherchiert. Als die herzliche alte Dame so alt war, wie die drei 17jährigen heute, wurde sie in der Lohhofer Flachsröste zu schwerer Zwangsarbeit herangezogen. Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt ein fröhliches Mädchen mit den braunen Locken im Arbeitskittel. Das war noch davor 1942. Judy Rosenberg hieß Judith Hirsch.

Wenige Monate nach der Aufnahme legte sie täglich einen beschwerlichen Fußweg von Berg am Laim zur Flachsröste nach Lohhof zurück, wo Garn für die Kriegsproduktion hergestellt wurde. Bis zum Hauptbahnhof musste sie zu Fuß gehen, denn Juden war das Trambahn-Fahren untersagt. Dann ging es mit dem Zug weiter. An ihren Freund Erwin Weil schreibt Judith Hirsch damals: „In Lohhof ist es furchtbar. Ich bin jetzt außer meiner Arbeitszeit noch 5-6 Stunden unterwegs. Abends falle ich grad ins Bett, so müde bin ich. Hoffentlich dauert es nicht mehr allzu lange, denn lang kann ich es nicht mehr mitmachen.“

Mit ihren Eltern und ihrer Schwester war sie 1939 von Karlsruhe, wo sie am 12. März 1927 geboren worden war, nach München gezogen. Das Sportartikelgeschäft, das ihr Vater mit seinem Burder, dem Fußballnationalspieler Julius Hirsch, führte, war 1938 in der NS-Progromnacht zerstört worden. Ihr Vater Max und ihre Mutter Lina, eine Protestantin, lebten in „Mischehe“.


Am 8. Mai 1945 wurde das KZ Theresienstadt von der Roten Armee befreit. Judith und einige Hundert Gefangene hatten noch überlebt. 1954 wandert sie mit ihrem Mann und zwei Kindern nach Kanada aus. Erst 2005 wurde sie von einem anderen Heimkind, Werner Grube, wiedergefunden.

Anneliese Treumann

Ruth Grube

Actionbound zur ehemaligen Flachsröste Lohhof

Der interaktiver Bound zur Geschichte des Zwangsarbeiterlagers für jüdische Zwangsarbeiterinnen in der Flachsröste Lohhof zur Zeit des Nationalsozialismus zeichnet exemplarische Biografien nach.

Entstanden im Rahmen eines P-Seminares am Carl-Orff-Gymnasium in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv-München, dem Medienzentrum München und dem Forum Unterschleißheim, sowie der FOS-Unterschleißheim.

Quellen dieses Beitrags

Buchtitel

Einzelnachweise

  1. [https://www.merkur.de/lokales/muenchen-lk/zwangsarbeit-flachsroeste-stadtrat-laesst-dunkles-kapitel-erforschen-895459.html Merkur-Artikel von 2010.
  2. Modelle zu dem mehrteiligen Denkmal bei denkmal-lohhof.de
  3. Text
  4. Transportliste München - Augsburg - Regensburg nach Piaski, Abfahrtsdatum: 04.04.42, Deportierte: 987 - Zitat: "In den frühen Morgenstunden des 4.4.42 verließ dieser Transport mit 774 Juden aus Oberbayern und Schwaben das Sammellager Milbertshofen in München. In Regensburg kamen weitere 213 Personen hinzu, … . Für den Teiltransport aus München haben sich verschiedene namentliche Aufstellungen erhalten. Eine im Institut für Zeitgeschichte München als Kopie vorhandene Liste der Staatspolizeistelle München zur "Aussiedlung von Juden aus dem Stapobereich München Gau Oberbayern und Schwaben/Neuburg nach den Ostgebieten" führt 776 Personen auf [IfZ München, Fa 209/I]. Eine gleichlautende Liste, die jedoch eine unterschiedliche Paginierung aufweist, befindet sich in den Beständen des ITS. Diese enthält handschriftliche Korrekturen. So wurden von den 776 Namen zwei gestrichen, Norbert Godlevski (Nr. 158) und Rolf Grabower (Nr. 192). Norbert Godlevski war laut einer beim ITS verwahrten Zusammenstellung der 1942/43 in München registrierten Juden "nicht als Jude zu führen" und wurde vermutlich aus diesem Grund von der Deportation zurückgestellt. Dr. Rolf Grabower, in der Transportliste mit der Berufsbezeichnung "Reichsrichter a.D.", früherer Ministerialrat im Reichsfinanzministerium und Richter am Reichsfinanzhof, nach seiner zwangsweisen Verpflichtung als jüd. Leiter des jüdischen Arbeitseinsatzes im Lager Milbertshofen und in der Flachsröste Lohhof bei Unterschleißheim, wurde aufgrund der Intervention mehrerer Persönlichkeiten von der Transportliste gestrichen. Dennoch wurde er später deportiert und gelangte mit dem Transport vom 18.6.42" … in das aus Tarngründen "Getto Theresienstadt" genante KZ.
  5. LMU München: Maximilian Strnad
  • Zu Prof. Dr. Dr. Grabower, finanzgeschichtliche Sammlung, Sonderdruck der Bundesfinanzakademie im Bundesfinanzministerium, 2010.

Siehe zum Thema auch