Benjamin Thompson
Sir Benjamin Thompson, seit 1792 Reichsgraf von Rumford, Count Rumford (* 26. März 1753 in Woburn, Provinz MassachusettsW Bay; † 21. August 1814 in Auteuil bei Paris), war ein britischer Offizier, Politiker, Experimentalphysiker, Waffentechniker und Erfinder. Er hatte bedeutenden Anteil an der Weiterentwicklung der Wärmelehre.
Frühe Jahre
Thompson wurde als Sohn eines kleinen Farmers in dem Örtchen Woburn nordwestlich von Boston geboren. Sein Vater starb, als Thompson noch ein Kind war. Er besuchte die örtliche Dorfschule und ging mit 13 Jahren bei einem Kaufmann im nahegelegenen Salem in die Lehre. Er zeigte schon früh eine große Begabung und ein lebhaftes Interesse für Mathematik und Naturwissenschaften. Während eines Genesungsaufenthalts in Woburn 1769 führte er erste Experimente zur Erforschung der Wärme durch.
Thompson arbeitete dann bei einem Kaufmann in Boston und nach einem gescheiterten Versuch, sich zum Arzt ausbilden zu lassen, als Lehrer in Rumford in der Provinz New Hampshire.
Sein sozialer Aufstieg begann, als er 1772 in Rumford Sarah Walker Rolfe (* 1739, † 19. Januar 1792) heiratete, eine dreizehn Jahre ältere, reiche Witwe aus angesehener Pfarrersfamilie. Mit ihr zog er nach Portsmouth (New Hampshire)W, wo er zur örtlichen Oberschicht zählte. Das Ehepaar unterhielt enge gesellschaftliche Beziehungen zum Gouverneur der Kolonie, der Thompson 1773 zum Major in der Miliz der Provinz New Hampshire machte. Durch sein Engagement für die englische Kolonialmacht zog er sich die Feindschaft der im Vorfeld des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges zunehmend revolutionär gesinnten Bevölkerungsmehrheit zu. Nachdem eine Volksmenge versucht hatte, sein Haus zu stürmen, verließ er im November 1774 seine Frau und die knapp zwei Monate alte Tochter und floh zu den britischen Truppen nach Boston. Dort war er für den britischen Oberkommandierenden tätig, den er unter anderem über die Stärke der bewaffneten Rebellen informierte, was ihm den Vorwurf der Spionage eintrug. Als er im Frühjahr 1775 nach Woburn zurückkehrte, wurde er vor Gericht gestellt, blieb jedoch unbestraft. Nach dieser Erfahrung machte er große Teile seines Vermögens zu Geld und verließ im Oktober 1775 endgültig seine Familie.
1776 reiste er an Bord eines britischen Kriegsschiffs von Boston nach England und überbrachte dem britischen Kolonialminister Germain Depeschen des nunmehrigen englischen Oberkommandierenden. Germain war so von Thompson beeindruckt, dass er ihm eine Anstellung im Kolonialministerium verschaffte. Thompson führte Versuche zur Sprengkraft von Schießpulver und zur Geschwindigkeit von Artilleriegeschossen durch, deren Ergebnisse weite Beachtung fanden, als er sie 1781 in den Philosophical Transactions der Londoner Royal Society veröffentlichte. Thompson wies nach, dass der verbreitete Glaube, leicht angefeuchtetes Schießpulver entfalte eine höhere Wirkung, unbegründet war. Außerdem entwickelte er ein Kommunikationssystem für Schiffe und verbesserte Schusswaffen.
1779 wurde Thompson Mitglied der Royal Society, 1780 Staatssekretär für die amerikanischen Kolonien. 1781 kehrte er nach Amerika zurück und stellte in New York eine Kavallerieeinheit auf, die „King’s American Dragoons“, als deren Kommandeur er im Frühjahr 1782 zum Oberstleutnant ernannt wurde und das Fort Huntington auf der Insel Long Island befehligte.
Wirken in München
Anfang 1783, noch vor dem Friedensschluss, kehrte Thompson nach England zurück, wo er zwar zum Obersten befördert wurde, aber nach dem Ende des Unabhängigkeitskrieges keine Chancen mehr für die erhoffte glänzende militärische Laufbahn sah. Daher nahm er 1784 Urlaub und brach nach Wien auf, um in die Dienste von Kaiser Joseph II. zu treten, da er mit einem neuen Krieg gegen die Türken rechnete.
Auf der Reise zog er in Straßburg die Aufmerksamkeit Maximilian I. Joseph, eines Verwandten und Erben des bayerischen Kurfürsten Karl Theodor, auf sich und kam auf diese Weise nach München, wo ihm der Kurfürst anbot, in seine Dienste zu treten. Nachdem Thompson sich in Wien vergewissert hatte, dass die dortigen Aussichten auf eine militärische Karriere nicht so gut waren wie erhofft, kehrte er nach London zurück, wo er offiziell seinen Abschied nahm und von König Georg III. zum Ritter geschlagen wurde.
In München wurde er zum Adjutanten und Kammerherrn ernannt und 1788 als Nachfolger von Johann Ernst Theodor von Belderbusch mit der Reorganisation der Bayerischen Armee beauftragt, die sich in einem desolaten Zustand befand. Insbesondere die gewöhnlichen Soldaten waren schlecht bezahlt, schlecht ernährt und schlecht gekleidet. Thompson ließ in jeder Garnison von den Soldaten Gärten anlegen, um ihre Lebensmittelversorgung zu verbessern, so auch in München auf dem Gebiet des heutigen Englischen Gartens. Er machte seine wissenschaftlichen Interessen für die Armeereform nutzbar, indem er Untersuchungen zur wärmedämmenden Wirkung von Uniformstoffen anstellte und eine wärmespeichernde Unterwäsche erfand.
1789 wurde auf Betreiben von Rumford in München eine höhere Schule für Jungen ins Leben gerufen. Sie war im Kolleggebäude des 1773 aufgehobenen Jesuitenordens in der Neuhauser Straße auf drei Etagen untergebracht. Rumford sorgte dafür, dass auch Nachwuchs aus unteren Schichten („die Talent und Genie verrathen“) die Chance hatte, aufgenommen zu werden. Dem Namen nach war es eine Militärakademie, es wurde aber ein über das Militärische hinausgehender Fächerkanon unterrichtet.
Über die Armut und das Elend der einfachen Soldaten wurde Thompson zum Sozialreformer. Um die Bettler von den Straßen zu entfernen, ließ er Armenhäuser, Schulen für Soldatenkinder, Arbeitshäuser und Manufakturen errichten und nutzte auch hier seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse, um die Lebensumstände der Bevölkerung zu verbessern: Er erfand den Rumford-Herd, einen energiesparenden Küchenherd, der nur halb so viel Brennstoff verbrauchte wie die noch weithin üblichen offenen Herde. Beachtung fand auch seine Veröffentlichung On Chimney Fireplaces über die Verbesserung des offenen Kamins. Weiterhin entwarf er einen später als Rumfordofen bekannt gewordenen, verbesserten Kalkbrennofen.
Für Suppenküchen zur Speisung der Armen erfand er die Rumfordsuppe, ein billiges, aber nahrhaftes Eintopfgericht, das europaweite Verbreitung in der Armenfürsorge fand. Hauptbestandteil der Rumfordsuppe waren neben Erbsen und Graupen Kartoffeln. Sie wurden bislang von der bayerischen Bevölkerung misstrauisch abgelehnt, von Thompson aber als Volksnahrungsmittel propagiert. In den Suppenküchen kamen von Thompson entwickelte holzsparende Herde zum Einsatz mit ausgeklügelten und steuerbaren Rauchzügen und geschlossenen Backröhren. In seinen Schriften sind ausführliche Überlegungen zu energiesparenden Töpfen und Einfassungsringe für den Herd enthalten. Seine Kochherde sind auch für damalige Privathäuser belegt.
1789 begannen die Arbeiten zur Anlage des Englischen Gartens – einer der ersten und bis heute größten städtischen Parks im englischen Stil. Er wurde im Mai 1792 der Öffentlichkeit übergeben. Rumford plante, in den Park eine Musterlandwirtschaft als sogenannte Schweizerei und eine veterinärmedizinische Schule mit Tierklinik zu integrieren. Die dafür nötigen Neubauten wurden allerdings 1816 von Leo von Klenze gestoppt.
Aufgrund seiner Erfolge stieg Thompson über die Ränge Generalmajor, Generalleutnant und Oberkommandierender der Armee 1788 zum Kriegsminister und Polizeichef auf. 1785 war er bereits zum Ehrenmitglied der Kurbayerischen Akademie der Wissenschaften ernannt worden, 1789 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt.
1791 sicherte sich Thompson vom Kurfürsten die Vollmacht für einen städtebaulichen Eingriff, der bei den Münchnern zunächst auf wenig Gegenliebe stieß: die Entfestigung im Bereich des Neuhauser Tores. Dort entstanden nach Plänen von Franz Thurn nach umfangreichen Abrissarbeiten die heutigen Umrisse des Karlsplatzes anstelle der Stadtmauer. Der Name Karlsplatz wurde von den Einheimischen nicht akzeptiert, dafür bürgerte sich der Begriff „Stachus“ ein.
Als der bayerische Kurfürst von März bis Juli 1792 während des Interregnums zwischen Leopold II. und Franz II. Reichsvikar des Heiligen Römischen Reiches war, erhob er Thompson am 9. Mai 1792 mit dem Titel „Graf von Rumford“ in den Reichsgrafenstand. 1795/96 hielt sich Rumford in London auf, wohin er auch seine Tochter aus Amerika einlud, und stiftete mit je 5.000 Dollar die Rumford-Medaille der Royal Society, deren erster Träger er 1800 selbst wurde, und den Rumford-Preis der American Academy of Arts and Sciences. Nach seiner Rückkehr nach München gelang es Rumford 1796 als Vorsitzender des Staatsrats (in Vertretung des geflohenen Kurfürsten), durch diplomatisches Geschick in Verhandlungen mit den Österreichern und den Franzosen die Stadt München vor Kriegszerstörung zu bewahren.
Letzte Lebensjahre
1799 sollte Rumford als bayerischer Gesandter an den britischen Hof gehen. Als britischer Untertan konnte er in dieser Funktion nicht akkreditiert werden, blieb aber als privater Agent der bayerischen Regierung in London. Aufgrund seiner Initiative wurde Anfang März 1799 die Royal Institution of Great Britain als Forschungs- und Ausbildungseinrichtung für angewandte Naturwissenschaften gegründet. Im April 1799 wurde ein Haus im Zentrum Londons gekauft. Rumford wurde der Sekretär der Institution.
1804 ging Rumford nach Paris, wo er sich endgültig niederließ, Mitglied der Académie des sciences wurde und 1805 die wohlhabende Witwe Marie Lavoisier heiratete. Die Ehe verlief wenig glücklich; die Eheleute trennten sich schon 1807, und im Jahre 1810 wurde die Ehe geschieden. 1814 starb Rumford im Alter von 61 Jahren nach einem plötzlichen Fieberanfall und wurde auf dem Friedhof von Auteuil (Cimetière d’Auteuil) einem gleichnamigen Stadtviertel von Paris beigesetzt.
Ehrungen
Nach Rumford sind die Rumfordstraße im Gärtnerplatzviertel gelegen und das Rumfordhaus im Englischen Garten benannt, seit einigen Jahren eine städtische Jugendfreizeiteinrichtung. Ebenfalls im Englischen Garten, nahe der Lerchenfeldstraße beim WC-Häusel, gibt es das ältere Rumford-Denkmal, dieses soll an den Schöpfer des Parks erinnern. Ein weiteres Rumford-Denkmal in Form einer überlebensgroßen Statue auf einem Sockel, entworfen und modelliert von Caspar Zumbusch und gegossen bei Ferdinand Miller. Im Jahr 1867 entlang der Maximilianstraße aufgestellt. Ein Abguß dieser Statue steht seit 1900 vor der Bibliothek in Woburn, Massachusetts in den USA. Eine Büste, Rumford darstellend, befindet sich auch in der Ruhmeshalle sie wurde von dem Bildhauer Peter Schöpf im Jahr 1841 angefertigt.
Quellen und Literatur
- Thomas Weidner: Rumford - Rezepte für ein besseres Bayern. Hirmer, München (Buch zur Ausstellung 2014-2015 im Stadtmuseum München - 370 Seiten)
- James Renwick: Life of Benjamin Thompson Count of Rumford. in, The Library of American biography conducted by Jared Sparks., Charles C. Little and James Brown, Boston, USA, 1846
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Das Thema "Benjamin Thompson" ist auch bei der deutschsprachigen Wikipedia vertreten unter: Benjamin Thompson.
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