Hertie am Bahnhofplatz

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Luftbild Hauptbahnhof-Vorplatz: Karl Schillinger, 1985

Das Kaufhaus Hertie am Bahnhofplatz ist ein repräsentativ gestaltetes Warenhaus. Es wurde in den Jahren 1904/05 nach Entwürfen des Münchner Architekten Max Littmann für die Warenhauskette Hertie (Firmenname ist Kürzel für den Gründer Hermann Tietz) gegenüber dem Hauptbahnhof errichtet. In der Gestaltung des Baukörpers bediente sich Littmann, dem Zeitgeschmack des Historismus folgend, Elementen der deutschen Renaissance.


Die Gründer der Firma, die Herren Hermann und Oskar Tietz eröffneten im Jahr 1882 mit einer Verkäuferin ihr erstes Geschäft in Gera, im damaligen kleinen Fürstentum Reuss. Dieses lief so außerordentlich gut, dass in kurzer Folge weitere Zweiggeschäfte in ganz Deutschland eröffnet werden konnten, so auch in München. Im Jahr 1889 öffnete in den Ladenräumen in einem Haus am Karlsplatz, Ecke Sonnenstraße, Nummer 23, ein Gemischtwarengeschäft, das sich schnell größter Beliebtheit erfreuen konnte und sich nach kurzer Zeit ein großer Kundenstamm bildete. Bereits im Jahr 1895 waren die Räumlichkeiten nicht mehr ausreichend, und ein Umzug in ein größeres Gebäude mit mehr Lager-, und Ladenfläche war unumgänglich. Auf der Suche nach einem neuen, größeren Gebäude fand sich das Haus des ehemaligen Café Imperial in der Schützenstraße 1a. Dieses wurde käuflich erworben, und so zog die gesamte Belegschaft von bereits 250 Angestellten in das neue Kaufhaus. Aber auch diese Geschäftsräume konnten in verhältnismäßig kurzer Zeit der immer weiter wachsenden Ausdehnung des Betriebs und den damit verbundenen Anforderungen des ständig zunehmenden Kundenkreises nicht mehr genügen und so entschloss sich das Unternehmen im Jahr 1905 zur Erwerbung des Neubaus am Bahnhofplatz 7, vormals das Hotel Kleiner und Großer Sterngarten. Und so beginnt die Geschichte des Warenhaus Tietz in diesem Gebäude in bester Lage mit über 1200 Angestellten.

Die Gründerjahre

Das neue Geschäftshaus, das sich als Prachtbau repräsentierte von hoher architektonischer Schönheit und Wirkung war, dürfte nicht nur hinsichtlich seines Umfangs sondern auch in Bezug auf seine durchaus neuzeitliche Einrichtung das bedeutendste in Süddeutschland gegolten haben. Es enthielt grosse Verkaufsabteilungen für alle Arten von Textilwaren, für keramische Artikel, für Photographie, Kunst- und Sportgegenstände jeder Art, für alle erdenklichen Artikel des täglichen Bedarfs und für Lebensmittel.

Von den Einrichtungen verdiente besonderes Interesse die eigene mustergültige elektrische Transformatorenanlage und zwar waren, 3 Drehstromtransformatoren mit je 85 Kilowatt und 5 derselben mit 60 Kilowatt, die 5000 Glühlampen speisten, die über sämtliche Räume des Hauses verteilt waren; dazu kamen noch 20 bis 25 Motoren, zusammen 150 PS. Den Strom lieferte das damals neu errichtete Elektrizitätswerk bei Moosburg. Für den Betrieb von 7 Personenfahrstülen und 4 Lastzügen, sowie für Notbeleuchtung diente wiederum städtischer Strom.

Zur Verhütung eines grösseren Brandes war eine ausgedehnte Feuermeldeanlage, die durch die im Haus stationierte Feuerwache ständig kontrolliert wurd.

Weiter war das Haus mit einer Dampfheizungs- und Warmwasserbereitungsanlage verbunden, mit einer künstlichen Luftbefeuchtung- und Vorwärmungsanlage versehen, wozu noch eine Anlage für Verbrennung von Unrat und Abfällen kam. Für die Sicherheit des Betriebes war durch eine ausgedehnte Feuerlöscher und Signalanlage sowie durch eine Feuerwache und reichlich vorgesehen Notausgänge gesorgt.

Dem allgemeinen Verkehr dienten eine Telefonanlage mit 100 Apparaten, sowie 4 Telefonautomaten. Zur Beförderung der Waren an die Kundschaft standen 8 Automobile zur Verfügung, ausserdem waren 8 Wagen mit Pferdebespannung ständig unterwegs. Für die Bequemlichkeiten des Personals war durch eine Kantine gesorgt, in welcher Speisen und Getränke zum Selbstkostenpreis abgegeben wurden. Auch die übrigen Einrichtungen für das Personal hinsichtlich der Arbeit-, Gehalts- und Lohnverhältnisse entsprachen durchaus den damals modernen, sozialen Anforderungen, sodass das Verhältnis zu dem Personal in diesem Bereich als ganz besonders vorbildlich zu bezeichnen war.

Die Zeit der Nationalsozialisten

Gleich zu Beginn der Machtergreifung der Nationalsozialisten musste der Familienname "Tietz" in ganz Deutschland von den Ladengeschäften, Werbeblättern und allen damit verbundenen Einrichtungen entfernt werden. Dies war bereits bis zum 26. September 1933 durchzuführen. Und so entstand die noch heute bekannte Namensgebung Hertie.

Heute wird das Gebäude von Karstadt genutzt.

Als Zeitzeuge in der Nachkriegszeit berichtet Karl Schillinger:

Weil ich etwa 8 Jahre die überlebenden Bürger aus dem 3. Reich, die in alle Welt verstreut wurden, aber überleben konnten, fotografiert habe und ihre Erzählungen glaubhaft fand, kann ich auch dazu etwas beitragen. Die letzten Besitzer von "Hertie" in München haben nämlich erzählt, ihr Kaufhaus am Hauptbahnhof wurde unter dem Namen der Berliner Firma im Rahmen eines Einkaufszirkels, vergleichbar von "EDEKA" oder anderen Einkaufsgenossenschaften, die durch den Zusammenschluss vergünstigte Einkaufspreise erhalten haben. Die Berliner Dachfirma "Hertie" hat so zu günstigen Konditionen in ganz Deutschland damals schon ihre Mitglieder der Handelskette mit günstigen Einkaufspreisen versorgen können.
Übrigens habe ich diese ganzen Dokumentationen (Negative und Positive), dem Stadtarchiv München überlassen.

Quellen und Nachweise

  • Das Buch der alten Firmen der Landeshauptstadt München. München 1958. (IX, 98)
  • Industrielle Rundschau. München, 1919