Heinrich Lautensack

Aus München Wiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Heinrich Lautensack (* 15. Juli 1881 in Vilshofen; † 10. Januar 1919 in Eberswalde) war ein deutscher Schriftsteller und Medientheoretiker.

Elf Scharfrichter

1901 war er als einer der Henkersknechte das jüngste Mitglied des Ensembles der Elf Scharfrichter, in dem er auch Frank Wedekind kennen lernte.

Das Kinematographentheater

Ab 1912 beschäftigt er sich auch intensiv mit dem Medium Film, schreibt Drehbücher und ist zunächst für die «Continental-Kunstfilm-Gesellschaft» in Berlin tätig, später für die «Deutsche Bioscop». Immer wieder zieht es ihn zurück in seine Heimat, nach Passau und Vilshofen. In der Zeitschrift Lichtbild Bühne 23 von 1913 äußerte er sich zum Medium Film:

Warum? - Darum:

Warum überläuft geradezu das Publikum die Kinos? Aus einer - wenigstens bei uns in Deutschland dann wahrlich spät genug entdeckten Vorliebe für Pantomimen?

Nur höchst oberflächliche Beurteiler nennen das Film-Drama eine abphotographierte Pantomime und nichts weiter. Oder bevölkern sich die Lichtspielhäuser allabendlich in sämtlichen fünf Erdteilen, weil darinnen - in Zeichen aus Licht und Schatten - endlich das Volapück erfunden wurde, ein neues, wirklich allen Nationen ohne das geringste Vorstudium zugängliches Esperanto?

Es ist wirklich keine allzu grobe Übertreibung, zu behaupten, daß die Erfindung der Gebrüder Lumiere - nämlich des Kinematographen im Jahre 1895 - eine Tat bedeutet, wie sie zuvor nur einmal noch - um 1447 - jenem Johann Gensfleisch zum Gutenberg gelang.

Auf jeden Fall also verhält sich die Sache ein ganz klein bißchen anders als die Feinde, die dreimal abscheulichen, des Kinos in ihrer lügnerischen Weise wahrhaben möchten. Nämlich daß das Publikum in erschrecklicher Majorität in die Lichtspielbudiken dränge - einfach weil da ein Roman oder ein Drama mit so wenig dichterischen Umschweifen als nur irgend möglich geboten würde. Der Hunger nach dem bloßen Stoff, den die Menge da nach Belieben stillen könnte - es ist einfach nicht wahr, daß das als die Hauptsache des Massenbesuches der Kinotheater anzusprechen sei!

Vielmehr die ehrliche kindliche Freude am Kinematographen als (neu erfundenen und oh! wie so ingeniös erdachten!) Ding an sich ist es, die zu solcher unaufhörlichen Wallfahrt nach den Tempeln der Kinokunst antreibt!! - Weil - mit anderen Worten - der Kinematograph nicht nur ein großer Verewiger, sondern auch der größte Veraugenblicklicher zu ganz der gleichen Zeit ist; darum die hohe Kinofreudigkeit allenthalben und nirgends eine Kinomüdigkeit, weder bis dato, noch überhaupt jemals!

Das weiß natürlich nicht einmal der jeweils hundertste unter allen mit auch nur annähernd so bestimmten Worten zu sagen, als ich es hier unternommen habe. Und dennoch verhält es sich so und nicht anders.[1]

Plot Points

Lautensack verfasste eines der ersten, noch heute erhaltenen, Drehbücher für den Film Die Macht der Jugend über einen Bankier, der sich wegen Liebeskummer umbringt, welches von Max Mack 1912 verfilmt und unter dem Label Kunstfilm von der Continental-Kunstfilm GmbH beworben wurde. Sein Drehbuch zum Film Zweimal Gelebt aus dem Jahr 1912 zeigt, dass er die in den USA bereits üblichen dramatischen Plot PointWs, also Handlungshöhepunkte, in seinem Szanarium benutzte, welche bis dahin in der deutschen Kinolandschaft ungebräuchlich waren.[2]

1915 wird er zum Militär eingezogen und ist Telegraphist im Garnisonsdienst in Samland in Ostpreußen. 1917 wird er entlassen und nach Berlin zurückbeordert, um als Dramaturg bei der Berliner Filmgesellschaft an einem Propagandafilm über Ostpreußen mitzuarbeiten.

Dokumentarfilm zur Beisetzung von Frank Wedekind

Frank Wedekind wurde am 12. März 1918 auf dem Waldfriedhof beigesetzt. Thomas Mann ließ das Taxi warten, denn sein Bruder Heinrich sollte sprechen, das glaubte er wegen politischer Differenzen nicht ertragen zu können. Lautensack wollte die Szene filmen und lief mit Leiter und Kurbelkasten neben dem Zug her.[3]

Der Sarg wurde hinabgelassen, Lautensack warf Rosen auf den Sarg, rief: „Frank Wedekind, mein Lehrer, mein Vorbild, mein Meister - dein unwürdigster Schüler Lautensack“ und sprang dem Sarg nach. Er wurde aus dem Grab gezogen und in die Psychiatrie gebracht. [4]

Fußnoten

  1. Heinrich Lautensack: Warum? - Darum! (1913). In Lichtbild Bühne 23 (1913), Hier zitiert nach Anton Kaes, (Hrsg): Kino-Debatte, in Harro Segeberg, Knut Hickethier, Corinna Müller, Mediengeschichte des Films: Die Modellierung des Kinofilms : zur Geschichte des Kinoprogramms zwischen Kurzfilm und Langfilm 1905, Fink, 1998 - 411 S., [1][2][3][4][5][6]
  2. Films of over 600 metres in length were marketed as blockbusters, and in the selections of films sent for exhibition in provincial cinemas, it was stressed that they included a two—acter. siehe From Peripetia to Plot Point: Heinrich Lautensack and ZWEIMAL GELEBT (1912) Jürgen KastenW in German cinema history 1912 A Second Life: German Cinema's First Decades, herausgegeben von Thomas Elsaesser, Michael Wedel, S. 213
  3. Heinrich Lautensack: Ein Requiem. Ein Dokumentarfilmprojekt über die Beerdigung Frank Wedekinds. [7]
  4. Tumult bei Frank Wedekinds Beerdigung, Autor(in): Anatol RegnierW, 9. März 1918 , Bayerischer Rundfunk, [8], Hochschule für angewandte Wissenschaften AugsburgW, [9]
Wikipedia.png
Das Thema "Heinrich Lautensack" ist aufgrund der überregionalen Bedeutung auch bei der deutschsprachigen Wikipedia vertreten.
Erreichbar über diesen Link: Heinrich Lautensack (Schriftsteller).