Diskussion:Sendlinger Tor: Unterschied zwischen den Versionen

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Der Sendlingertorplatz einst und jetzt; Bekanntlich sollen die Häuser Nr. 10 und 11 am Sendlingertorplatz und, 15 und 16 an der Hcrzog-Wilhelmstraße, die eine geschlossene Bau­gruppe und noch so richtig ein Ueberbleibsel aus der einfachen Zeit unserer Großväter bilden, einem Neubau weichen. Aus diesem Anlaß ist es wohl angebracht, zu zeigen, wie am Senblingertorplatz aus dem „Einst" das „Jetzt geworden lst. Wenn ein Fremdling etwa um das Jahr 1700 von Sendling herein nach München wollte, so var das keine so einfache Sache wie heutzutage, München war noch eine Festung mit all den damals üblichen Eintritts-Hinderinissen. Da wurde man, wie uns Dr. Karl Trautmann mitteilt, an dem Pallisaden-Zaun, der vor den hohen Erdwällen der, Festungswerke sich hinzog, zuerst von zwei Wachtposten empfangen, deren einer den Fremden durch eine zweite Schranke zum Torwärterhaus geleitete, wo der Fremde über das Woher-, und Wohin Red' und Antwort stehen mußte und die Ausweispapiere streng ge­prüft wurden. Dann ging's zum Wachthaus, wo man nochmals befragt wurde; und nun stand der Weg offen zum jetzigen Sendlingertor, bei dem wieder eine Wache strenge Aufsicht übte. Hatte man auch diese letzte Prüfung überstanden, konnte man ungehindert seines Weges ziehen. So war es an hellichten Tage. Wenn es aber zu dämmern begann und vom Frauenturm die Sperrglocke gellte, dann wurden die Tore zwar nicht geschlossen, aber jeer Passant mußte zwei Kreuzer Sperrgeld be­zahlen. Und wer etwa mit seinem Schnauzel aus seinem Spaziergang sich verspätet hatte oder hoch zu Roß des Weges kam, der mußte noch zwei Extra-Kreuzer entrichten. Wenn es aber im Winter 9 Uhr und im Sommer 10 Uhr geschlagen, dann wurden die Tore geschlossen und es gab in der ganzen Stadtumwallung nur mehr eine Pforte, durch die man einpassieren konnte, nachdem man 2. Kreuzer Sperrgeld bezahlt hatte: diese Pforte hieß „Der Einlaß", und heute noch erinnert der Name einer Straße östlich der Schrannenhalle daran. Die Torsperre wurde mit aller Strenge gehandbabt und sie galt für Jedermann, ohne Un­terschied des Standes. Selbst Kurfürst Max III. Joseph mußte, als er von einer fröhlichen Jagd verspätet heimkehrte, um die Stadt herum zum Einlaß reiten und hier für sich, seine Kavaliere, Pfterde und Hunde das Sperrgeld entrichten.
Der Sendlingertorplatz einst und jetzt; Bekanntlich sollen die Häuser Nr. 10 und 11 am Sendlingertorplatz und, 15 und 16 an der Hcrzog-Wilhelmstraße, die eine geschlossene Bau­gruppe und noch so richtig ein Ueberbleibsel aus der einfachen Zeit unserer Großväter bilden, einem Neubau weichen. Aus diesem Anlaß ist es wohl angebracht, zu zeigen, wie am Senblingertorplatz aus dem „Einst" das „Jetzt geworden lst. Wenn ein Fremdling etwa um das Jahr 1700 von Sendling herein nach München wollte, so var das keine so einfache Sache wie heutzutage, München war noch eine Festung mit all den damals üblichen Eintritts-Hinderinissen. Da wurde man, wie uns Dr. Karl Trautmann mitteilt, an dem Pallisaden-Zaun, der vor den hohen Erdwällen der, Festungswerke sich hinzog, zuerst von zwei Wachtposten empfangen, deren einer den Fremden durch eine zweite Schranke zum Torwärterhaus geleitete, wo der Fremde über das Woher-, und Wohin Red' und Antwort stehen mußte und die Ausweispapiere streng ge­prüft wurden. Dann ging's zum Wachthaus, wo man nochmals befragt wurde; und nun stand der Weg offen zum jetzigen Sendlingertor, bei dem wieder eine Wache strenge Aufsicht übte. Hatte man auch diese letzte Prüfung überstanden, konnte man ungehindert seines Weges ziehen. So war es an hellichten Tage. Wenn es aber zu dämmern begann und vom Frauenturm die Sperrglocke gellte, dann wurden die Tore zwar nicht geschlossen, aber jeer Passant mußte zwei Kreuzer Sperrgeld be­zahlen. Und wer etwa mit seinem Schnauzel aus seinem Spaziergang sich verspätet hatte oder hoch zu Roß des Weges kam, der mußte noch zwei Extra-Kreuzer entrichten. Wenn es aber im Winter 9 Uhr und im Sommer 10 Uhr geschlagen, dann wurden die Tore geschlossen und es gab in der ganzen Stadtumwallung nur mehr eine Pforte, durch die man einpassieren konnte, nachdem man 2. Kreuzer Sperrgeld bezahlt hatte: diese Pforte hieß „Der Einlaß", und heute noch erinnert der Name einer Straße östlich der Schrannenhalle daran. Die Torsperre wurde mit aller Strenge gehandbabt und sie galt für Jedermann, ohne Un­terschied des Standes. Selbst Kurfürst Max III. Joseph mußte, als er von einer fröhlichen Jagd verspätet heimkehrte, um die Stadt herum zum Einlaß reiten und hier für sich, seine Kavaliere, Pfterde und Hunde das Sperrgeld entrichten.


Wie es ans dem Sendlingertorplatz etwa um das Jahr 1760 ausgesehen hat, das zeigt uns ein großes hübsches Oelgemälde des tüchtigen Münch­ner Malers Johann Zächenberger, das im Wartesaal des Standesamtes am Petersplatz hängt. Was hier besonders ins Auge fällt, das ist die alte Deckung des Sendlingertores durch eine große doppelte Erdbastion, die fast die ganze Fläche des heutigen Platzes einnahm und den Namen „Die Schanz" führte, gekrönt von einem massiven hoch­ragenden Pulverturm. Und vor diesem gewaltigen Erdwerke jenseits des freien Glacis reihten sich in buntem Wechsel Städel, Gärten, Krautäcker, nicht zu vergessen der ausgedehnten Hopfenpflanzungen unserer Bierbrauer, deren sich schon um das Jahr 1575 allem vor dem Sendlingertor ihrer 16 ausbreiteten. Inmitten dieser rein landwirtschaftlichen Umgebung führte gegen den Sendlinger Berg hinaus in malerischen Windungen die Straße nach Italien, auf der vormals so viele hoffnungssrohe Künstlerjugend nach dem fernen Süden zog. Als nach dem 30jährigen Krieg, dem die starken Erdwälle ihr Entstehen verdankten, die Festungseigenschaft Münchens immer geringer bewertet wurde, verschenkten die Kurfürsten schon seit 1656 diese Bastionen an Angehörige des Hofes zur An­lage von Gärten und Sommerhäuschen mit dar Beschränkung, daß im Kriegsfälle der alte Zustand wieder herzustellen wäre. So vergab Kurfürst Max Emanuel im Jahre 1692 die vor dem Send­lingertor gelegene Erdbastion „Die Schanz" an den Münzverwalter Packenreiter. Der mit schattigen Bäumen reich besetzte Garten wechselte dann im Lauf der Zeiten mehrfach seinen Besitzer, bis hier am Ausgang des 18. Jahrhunderts der Pfleger des Heiliggeist-Spitals Johann Michael Huber seinen Sommersitz aufschlug. Der untere Teil der Bastion gehörte damals dem Stadtkom­mandanten Graf v. Morawitzky, der seinem Garten durch Anlage einer Gloriette mit Frei­treppe und Springbrunnen einen besonderen Reiz verlieh. So war der Zustand, als aus dem allen Mün­chen unter König Max I. Joseph die Hauptstadt des jungen Königreiches wurde, die nach allen Seiten sich auszudehnen und zu verschönern be­strebt war. Die Abtragung der Erdwälle hatte schon im März 1791 vor dem Neuhausertor be­gonnen, als unter Kurfürst Karl Theodor Graf Rumford die Anlage des heute noch bestehen­den Karlstor-Rondells urchführte. Nunmehr aber wurde die Festlegung der neuen Straßenzüge um die Altstadt in großzügiger Waise in Angriff genommen. Es wurde ein die Stadtverschönerung berücksich­tigender Generalplan ausgearbeitet, als dessen gei­stige Urheber der hochbegabte Erbauer unseres Hoftheaters Karl v. Fischer und der geniale Hosgarten-Jntiendant Friedrich Skell, der Schöpfer der Englischen Gartenanlagen in Mün­chen, Nymphenburg und Schwetzingen, angespro­chen werden müssen. Vor dem Sendlingertor wurde ein großer öffentlicher „Gewerbsplatz" pro­jektiert mit einer monumentalen Fontäne als Mittelpunkt. Die anfängliche Kreisform wurde im Jahre 1812 in einen Halbzirkel umge­wandelt, um die dortigen Bau- und Gartenplätze besser ausnützen zu können. Damit war die heutige Gestalt des Sendlingertor-Platzes festgelegt Schon vorher waren die langwierigen Verhand­lungen über die nötigen Grundabtretungen durch­geführt worden, die riesige Bastei war eingelegt und Anno 1812 erhoben sich als erste die beiden Häuser Nr. 10 und 11, die noch jetzt in ihrer ur­sprünglichen Form bestehen und nun verschwin­den sollen. In Nr. 10 hatte der alte Sonnenwirt ein besonders von der Landkundschaft viel besuchtes Wirtshaus geschaffen, das noch heute existiert: in beiden Häusern wohnten zu König Ludwigs I. kunstfrohen Zeiten zahlreiche zugereiste Maler und Bildhauer, die nicht in den engen Gassen der Altstadt quartieren wollten. Wie ländlich es damals vor dem Sendlinger­tor aussah, das zeigt uns eine reizende Litho­graphie von G. Kraus: da sehen wir noch die Schafe weiden, einzelne Gruppen von Frauen ihr Plauderstündchen halten und lesende Herren bar­häuptig mit der langen Pfeife im Munde, vom Verkehr unbehelligt, lustwandeln. Freilich wäre man mit der brennenden Pfeife nur bis zu dem langgestreckten einstöckigen Wachhaus vor dem Tore gekommen, da das Tabakrauchen im Innern der Stadt noch im Jahre 1827 streng verboten war. Im Hintergrund des Bildes sehen wir die alte Stadtmauer, die von den hochragenden Bäumen im Zwinger fast verdeckt ist. In dem da­vor liegenden Stadtgraben befand sich später die inzwischen längst verschwundene k. Turnanstalt und mancher ältere Münchner wird sich aus seiner Lateinschulzeit noch der herrlichen Nachmittage erinnern, die er hier unter der menschenfreund­lichen Leitung des alten Scheibmaier mit den langwallenden weißen Künstlerlocken verturnt und verspielt hat.
Wie es auf dem Sendlingertorplatz etwa um das Jahr 1760 ausgesehen haben mag, das zeigt das großes Oelgemälde des Münch­ner Malers Johann Zächenberger, das ehedem im Wartesaal des Standesamtes am Petersplatz hieng. Was auf der Zeichnung besonders ins Auge fällt, das ist die alte Deckung des Sendlingertores durch eine große doppelte Erdbastion, die fast die ganze Fläche des heutigen Platzes einnahm und den Namen „Die Schanz" trug, gekrönt von einem massiven hoch­ragenden Pulverturm. Und vor diesem gewaltigen Erdhaufen jenseits des freien felds reihten sich in buntem Wechsel Städel, Gärten, Krautäcker, und die ausgedehnten Hopfenpflanzungen der Bierbrauer, wovon 16 Felder sich bereits um das Jahr 1575 vor dem Sendlingertor ausbreiteten.  


Das Sendlingertor ist der einzige Überrest, der uns an dieser Stelle noch von den ehemaligen Festungsanlagen erhalten geblieben ist. Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß schon 1812 der kunst­verständige Skell nachdrücklich für die Erhaltung der beiden, ehrwürdigen Wehr- und Warttürme eintrat, „die als Denkmäler unserer Vorväter und ihrer Wehr- und Waffenkunst erhalten zu werden verdienen" und daß Skell auch bereits Vorschläge machte, wie dies baulich und gärtnerisch, ohne Be­einträchtigung des Verkehrs durchgeführt werden könnte. So wollen wir denn hoffen, daß über der baulichen Neugestaltung des Platzbildes jener künstlerische Geist walten möge, der bei den Verhandlungen, gerade vor hundert Jahren, so nach­haltig zum Durchbruch kam und der aus der alten Gesamtanlage eine trotz aller Schlichtheit harmonische Schöpfung erstehen ließ.
Als nach dem 30jährigen Krieg, dem die starken Erdwälle ihr Entstehen verdankten, die Festungseigenschaft Münchens immer geringer bewertet wurde, verschenkten die Kurfürsten bereits seit dem Jahr 1656 das Material der Bastionen an Angehörige des Hofes zur An­lage von Gärten und Sommerhäuschen mit dar Beschränkung, daß im Kriegsfall der vormalige Zustand wieder herzustellen wäre, und der gesamte Aushub zurück geführt werden müsse.
 
Für die am Send­lingertor gelegene Erdbastion „Die Schanz", vergab Kurfürst Max Emanuel im Jahre 1692 die Erlaubnis an den Münzverwalter Packenreiter. Der mit schattigen Bäumen reich besetzte Garten wechselte dann im Lauf der Jahrzehnte mehrfach seinen Besitzer, bis hier am Ausgang des 18. Jahrhunderts der Pfleger des Heiliggeist-Spitals Johann Michael Huber seinen Sommersitz anlegte. Der untere Teil der Bastion gehörte damals dem Stadtkom­mandanten Graf v. Morawitzky, der seinem Garten durch Anlage einer Gloriette mit Frei­treppe und Springbrunnen einen besonderen Reiz verlieh. So war der Zustand, als aus dem allen Mün­chen unter König Max I. Joseph die Hauptstadt des jungen Königreiches wurde, die nach allen Seiten sich auszudehnen und zu verschönern be­strebt war. Die Abtragung der Erdwälle hatte schon im März 1791 vor dem Neuhausertor be­gonnen, als unter Kurfürst Karl Theodor Graf Rumford die Anlage des heute noch bestehen­den Karlstor-Rondells durchführte.
 
Nunmehr aber wurde die sehr großzügig ausfallende Festlegung der neuen Straßenzüge um die Altstadt in Angriff genommen. Es wurde ein die Stadtverschönerung berücksich­tigender Generalplan ausgearbeitet, als dessen gei­stige Urheber der hochbegabte Erbauer unseres Hoftheaters Karl v. Fischer und der geniale Hofgarten-Intendant Friedrich Skell, der Schöpfer der Englischen Gartenanlagen in Mün­chen, Nymphenburg oder Schwetzingen, angespro­chen werden müssen. Vor dem Sendlingertor wurde ein großer öffentlicher „Gewerbsplatz" pro­jektiert mit einer monumentalen Fontäne als Mittelpunkt. Die anfängliche Kreisform wurde im Jahre 1812 in einen Halbkreis umge­wandelt, um die dortigen Bau- und Gartenplätze besser ausnützen zu können. Damit war die heutige Gestalt des Sendlingertor-Platzes festgelegt Schon vorher waren die langwierigen Verhand­lungen über die nötigen Grundabtretungen durch­geführt worden, die riesige Bastei war eingelegt und Anno 1812 erhoben sich als erste die beiden Häuser Nr. 10 und 11, die noch bis 1913 in ihrer ur­sprünglichen Form bestanden und dann dem ncoh bestehenden Bauten weicehn mussten. Im Mietshaus Nr. 10 hatte der Besitzer des Sonnenwirts ein besonders von der Landkundschaft viel besuchtes Wirtshaus geschaffen: in beiden Häusern wohnten viel der von König Ludwigs I. unterstützten zugereisten Maler und Bildhauer, die nicht in den engen Gassen der Altstadt quartieren wollten. Wie ländlich es damals vor dem Sendlinger­tor aussah, das zeigt eine reizende Litho­graphie von Gustav Kraus: das gezeichente zeigt weidende Schafe, einzelne Gruppen von Frauen ihr Plauderstündchen halten, und lesende Herren bar­häuptig mit der langen Pfeife im Munde, vom Verkehr unbehelligt, lustwandeln. Freilich wäre man mit der brennenden Pfeife nur bis zu dem langgestreckten einstöckigen Wachhaus vor dem Tore gekommen, da das Tabakrauchen im Innern der Stadt noch im Jahre 1827 streng verboten war. Im Hintergrund des Bildes ist die alte Stadtmauer, die von den hochragenden Bäumen im Zwinger fast verdeckt ist, einsehbar. In dem da­vor liegenden Stadtgraben befand sich später die königliche Turnanstalt unter der Leitung von Scheibmaier mit den langwallenden weißen Künstlerlocken.
 
Das Sendlingertor ist der einzige Überrest, der an dieser Stelle noch von den ehemaligen Festungsanlagen erhalten geblieben ist. Bereits im Jahr 1812 trat der kunst­verständige Skell nachdrücklich dafür ein, die hrwürdigen Wehr- und Warttürme zu Erhalten; „die als Denkmäler unserer Vorväter und ihrer Wehr- und Waffenkunst erhalten zu werden verdienen" und daß Skell auch bereits Vorschläge machte, wie dies baulich und gärtnerisch, ohne Be­einträchtigung des Verkehrs durchgeführt werden könnte. Der bei den Verhandlungen, gerade vor zweihuntert Jahren, so nach­haltig zum Durchbruch kam und der aus der alten Gesamtanlage eine trotz aller Schlichtheit harmonische Schöpfung erstehen ließ.


Wie es am Sendlingertor im 18. Jahrhundert, dann 1805 und 1852 ausgesehen hat, das veran­schaulichen mehrere nach Aquarellen von Karl August Lebsché gefertigte Stiche, die in der Vorhalle der Münchner Neuesten Nachrichten ausgestellt sind.
Wie es am Sendlingertor im 18. Jahrhundert, dann 1805 und 1852 ausgesehen hat, das veran­schaulichen mehrere nach Aquarellen von Karl August Lebsché gefertigte Stiche, die in der Vorhalle der Münchner Neuesten Nachrichten ausgestellt sind.

Version vom 22. Januar 2026, 19:53 Uhr

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Dienstag 13. Mai 1913 - General Anzgeiger - Münchner Neuesten Nachrichten.

Der Sendlingertorplatz einst und jetzt; Bekanntlich sollen die Häuser Nr. 10 und 11 am Sendlingertorplatz und, 15 und 16 an der Hcrzog-Wilhelmstraße, die eine geschlossene Bau­gruppe und noch so richtig ein Ueberbleibsel aus der einfachen Zeit unserer Großväter bilden, einem Neubau weichen. Aus diesem Anlaß ist es wohl angebracht, zu zeigen, wie am Senblingertorplatz aus dem „Einst" das „Jetzt geworden lst. Wenn ein Fremdling etwa um das Jahr 1700 von Sendling herein nach München wollte, so var das keine so einfache Sache wie heutzutage, München war noch eine Festung mit all den damals üblichen Eintritts-Hinderinissen. Da wurde man, wie uns Dr. Karl Trautmann mitteilt, an dem Pallisaden-Zaun, der vor den hohen Erdwällen der, Festungswerke sich hinzog, zuerst von zwei Wachtposten empfangen, deren einer den Fremden durch eine zweite Schranke zum Torwärterhaus geleitete, wo der Fremde über das Woher-, und Wohin Red' und Antwort stehen mußte und die Ausweispapiere streng ge­prüft wurden. Dann ging's zum Wachthaus, wo man nochmals befragt wurde; und nun stand der Weg offen zum jetzigen Sendlingertor, bei dem wieder eine Wache strenge Aufsicht übte. Hatte man auch diese letzte Prüfung überstanden, konnte man ungehindert seines Weges ziehen. So war es an hellichten Tage. Wenn es aber zu dämmern begann und vom Frauenturm die Sperrglocke gellte, dann wurden die Tore zwar nicht geschlossen, aber jeer Passant mußte zwei Kreuzer Sperrgeld be­zahlen. Und wer etwa mit seinem Schnauzel aus seinem Spaziergang sich verspätet hatte oder hoch zu Roß des Weges kam, der mußte noch zwei Extra-Kreuzer entrichten. Wenn es aber im Winter 9 Uhr und im Sommer 10 Uhr geschlagen, dann wurden die Tore geschlossen und es gab in der ganzen Stadtumwallung nur mehr eine Pforte, durch die man einpassieren konnte, nachdem man 2. Kreuzer Sperrgeld bezahlt hatte: diese Pforte hieß „Der Einlaß", und heute noch erinnert der Name einer Straße östlich der Schrannenhalle daran. Die Torsperre wurde mit aller Strenge gehandbabt und sie galt für Jedermann, ohne Un­terschied des Standes. Selbst Kurfürst Max III. Joseph mußte, als er von einer fröhlichen Jagd verspätet heimkehrte, um die Stadt herum zum Einlaß reiten und hier für sich, seine Kavaliere, Pfterde und Hunde das Sperrgeld entrichten.

Wie es auf dem Sendlingertorplatz etwa um das Jahr 1760 ausgesehen haben mag, das zeigt das großes Oelgemälde des Münch­ner Malers Johann Zächenberger, das ehedem im Wartesaal des Standesamtes am Petersplatz hieng. Was auf der Zeichnung besonders ins Auge fällt, das ist die alte Deckung des Sendlingertores durch eine große doppelte Erdbastion, die fast die ganze Fläche des heutigen Platzes einnahm und den Namen „Die Schanz" trug, gekrönt von einem massiven hoch­ragenden Pulverturm. Und vor diesem gewaltigen Erdhaufen jenseits des freien felds reihten sich in buntem Wechsel Städel, Gärten, Krautäcker, und die ausgedehnten Hopfenpflanzungen der Bierbrauer, wovon 16 Felder sich bereits um das Jahr 1575 vor dem Sendlingertor ausbreiteten.

Als nach dem 30jährigen Krieg, dem die starken Erdwälle ihr Entstehen verdankten, die Festungseigenschaft Münchens immer geringer bewertet wurde, verschenkten die Kurfürsten bereits seit dem Jahr 1656 das Material der Bastionen an Angehörige des Hofes zur An­lage von Gärten und Sommerhäuschen mit dar Beschränkung, daß im Kriegsfall der vormalige Zustand wieder herzustellen wäre, und der gesamte Aushub zurück geführt werden müsse.

Für die am Send­lingertor gelegene Erdbastion „Die Schanz", vergab Kurfürst Max Emanuel im Jahre 1692 die Erlaubnis an den Münzverwalter Packenreiter. Der mit schattigen Bäumen reich besetzte Garten wechselte dann im Lauf der Jahrzehnte mehrfach seinen Besitzer, bis hier am Ausgang des 18. Jahrhunderts der Pfleger des Heiliggeist-Spitals Johann Michael Huber seinen Sommersitz anlegte. Der untere Teil der Bastion gehörte damals dem Stadtkom­mandanten Graf v. Morawitzky, der seinem Garten durch Anlage einer Gloriette mit Frei­treppe und Springbrunnen einen besonderen Reiz verlieh. So war der Zustand, als aus dem allen Mün­chen unter König Max I. Joseph die Hauptstadt des jungen Königreiches wurde, die nach allen Seiten sich auszudehnen und zu verschönern be­strebt war. Die Abtragung der Erdwälle hatte schon im März 1791 vor dem Neuhausertor be­gonnen, als unter Kurfürst Karl Theodor Graf Rumford die Anlage des heute noch bestehen­den Karlstor-Rondells durchführte.

Nunmehr aber wurde die sehr großzügig ausfallende Festlegung der neuen Straßenzüge um die Altstadt in Angriff genommen. Es wurde ein die Stadtverschönerung berücksich­tigender Generalplan ausgearbeitet, als dessen gei­stige Urheber der hochbegabte Erbauer unseres Hoftheaters Karl v. Fischer und der geniale Hofgarten-Intendant Friedrich Skell, der Schöpfer der Englischen Gartenanlagen in Mün­chen, Nymphenburg oder Schwetzingen, angespro­chen werden müssen. Vor dem Sendlingertor wurde ein großer öffentlicher „Gewerbsplatz" pro­jektiert mit einer monumentalen Fontäne als Mittelpunkt. Die anfängliche Kreisform wurde im Jahre 1812 in einen Halbkreis umge­wandelt, um die dortigen Bau- und Gartenplätze besser ausnützen zu können. Damit war die heutige Gestalt des Sendlingertor-Platzes festgelegt Schon vorher waren die langwierigen Verhand­lungen über die nötigen Grundabtretungen durch­geführt worden, die riesige Bastei war eingelegt und Anno 1812 erhoben sich als erste die beiden Häuser Nr. 10 und 11, die noch bis 1913 in ihrer ur­sprünglichen Form bestanden und dann dem ncoh bestehenden Bauten weicehn mussten. Im Mietshaus Nr. 10 hatte der Besitzer des Sonnenwirts ein besonders von der Landkundschaft viel besuchtes Wirtshaus geschaffen: in beiden Häusern wohnten viel der von König Ludwigs I. unterstützten zugereisten Maler und Bildhauer, die nicht in den engen Gassen der Altstadt quartieren wollten. Wie ländlich es damals vor dem Sendlinger­tor aussah, das zeigt eine reizende Litho­graphie von Gustav Kraus: das gezeichente zeigt weidende Schafe, einzelne Gruppen von Frauen ihr Plauderstündchen halten, und lesende Herren bar­häuptig mit der langen Pfeife im Munde, vom Verkehr unbehelligt, lustwandeln. Freilich wäre man mit der brennenden Pfeife nur bis zu dem langgestreckten einstöckigen Wachhaus vor dem Tore gekommen, da das Tabakrauchen im Innern der Stadt noch im Jahre 1827 streng verboten war. Im Hintergrund des Bildes ist die alte Stadtmauer, die von den hochragenden Bäumen im Zwinger fast verdeckt ist, einsehbar. In dem da­vor liegenden Stadtgraben befand sich später die königliche Turnanstalt unter der Leitung von Scheibmaier mit den langwallenden weißen Künstlerlocken.

Das Sendlingertor ist der einzige Überrest, der an dieser Stelle noch von den ehemaligen Festungsanlagen erhalten geblieben ist. Bereits im Jahr 1812 trat der kunst­verständige Skell nachdrücklich dafür ein, die hrwürdigen Wehr- und Warttürme zu Erhalten; „die als Denkmäler unserer Vorväter und ihrer Wehr- und Waffenkunst erhalten zu werden verdienen" und daß Skell auch bereits Vorschläge machte, wie dies baulich und gärtnerisch, ohne Be­einträchtigung des Verkehrs durchgeführt werden könnte. Der bei den Verhandlungen, gerade vor zweihuntert Jahren, so nach­haltig zum Durchbruch kam und der aus der alten Gesamtanlage eine trotz aller Schlichtheit harmonische Schöpfung erstehen ließ.

Wie es am Sendlingertor im 18. Jahrhundert, dann 1805 und 1852 ausgesehen hat, das veran­schaulichen mehrere nach Aquarellen von Karl August Lebsché gefertigte Stiche, die in der Vorhalle der Münchner Neuesten Nachrichten ausgestellt sind.