Todesmärsche

Aus München Wiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Todesmärsche aus dem Konzentrationslager Dachau oder den Nebenlagern von Dachau hatten 1945 sicher nicht das Ziel die KZ-Häftlinge zu retten.

Deshalb ist das "freundlicher klingende" Tarn-Wort "Evakuierungsmarsch" schnell in die Irre führend. Es weist zwar, wörtlich genommen, auf den unmittelbaren Hintergrund des Marsches hin, nämlich die Räumung der KZ-Lagers. Es ist aber eindeutig irreführend, weil viele Menschen unter "Evakuierung" etwas Positives, nämlich "jemanden in Sicherheit bringen", verstehen. Dutzende von KZ wurden "evakuiert". Aber nicht um Gefangene zu retten.

Das Gegenteil war der Fall: Die Befreiung der Häftlinge wurde hinausgezögert, indem diese verschleppt wurden. Es sollten den alliierten Truppen keine lebenden Zeugen in die Hände fallen. So lautete eindeutig ein Befehl Himmlers. Und anfangs hoffte die SS auch noch, dass die Häftlinge noch irgendwo anders bei Sklavenarbeiten eingesetzt werden konnten, z.B. um Panzergräben zu graben oder um als Tauschobjekte gegen Devisen eingesetzt zu werden. Die Anweisungen von der SS-Spitze waren da gelegentlich widersprüchlich. Unzählige Häftlinge verloren aber so noch kurz vor der lange ersehnten Befreiung ihr Leben. Statt sie frei zu lassen, wurden sie reihenweise am Ende der Marschkolonne umgebracht oder wer nicht mehr gehen konnte, vor dem Abmarsch getötet.

Es besteht heute die Gefahr, dass jemand, der nichts Näheres über den Marsch weiß, aufgrund einer SS-Bezeichnung als "Evakuierungsmarsch" dieses Ereignis schnell aus einem falschen Blickwinkel betrachtet und so den Tod und das Leid, die der Gewaltmarsch für die Häftlinge bedeutete, nicht in seinen ganzen Ausmaßen wahrnehmen kann. Der Begriff "Evakuierungsmarsch" als solcher verharmlost das Geschehene, auch wenn dies zunächst gar nicht beabsichtigt ist. Die SS wußte allerdings, warum sie dieses Tarnwort benutzte. Die Häftlinge sollten nicht gewarnt werden.

Opferzahlen

Die israelische Holocaustgedenkstätte Yad Vashem schätzt, dass sich in den Monaten März, April und in den ersten Maitagen 1945 über das gesamte Deutsche Reich verteilt mindestens 250.000 KZ-Häftlinge auf so genannten Evakuierungsmärschen und Zug-Transporten befanden. Mindestens ein Drittel der noch im Januar 1945 registrierten 714.211 KZ-Häftlinge wurden nach deren Übersicht während dieser "Räumungsaktionen" ums Leben gebracht.

Die Opfer der Todesmärsche und Zugtransporte bei Kriegsende sind bei den Opferzahlen des Konzentrationslagers Dachau oder dessen Nebenlagern in der Nachkriegszeit nicht mit eingerechnet worden - auch nicht bei den 31.951 von den Nazis zwischen 1933 und 1945 selbst beurkundeten "Todesfällen". Das Konzentrationslager Dachau hatte 160 Außenkommandos und neun Unterkommandos. Die zwei größten Außenlager befanden sich bei Mühldorf und Landsberg/Kaufering. Es handelte sich hierbei um zwei große Konzentrationslager-Baukomplexe: der bei Mühldorf gelegene bestand aus vier und der bei Landsberg/Kaufering gelegene aus elf einzelnen KZ-Lagern. Das KZ Dachau und beide Außenlagerkomplexe wurden in den letzten Tagen des Kriegs von der SS mehr oder weniger leer "geräumt". In Dachau war die Besonderheit, dass sich die oberen SS´ler vor den Amerikanern selbst in Sicherheit brachten und viele zurückgelassene Gefangene zum Teil deshalb überleben konnten.

Nur relativ ungenaue Rückschlüsse auf die Gesamtzahl der im Zusammenhang mit der Räumung der Konzentrationslagerkomplexe Kaufering und Mühldorf und der Teilräumung des Konzentrationslagers Dachau zu Tode gekommenen Häftlinge können aus den an unterschiedlichen Stellen gemachten Angaben ehemaliger Beteiligter, ehemaliger amerikanischer Soldaten und der verschiedenen nationalen Suchdienste gezogen werden. Es kann sich um eine Zahl zwischen 400 bis 2.000 durch die Nazis letztlich dabei ermordete Personen handeln.

Literatur

  • Andreas Wagner über das Wort Todesmarsch, in Todesmarsch. Die Räumung und Teilräumung der Konzentrationslager Dachau, Kaufering und Mühldorf Ende April 1945. Geretsried 1995-2007. (online)
  • Grinberg, Dr. Z.: Bericht an den Jüdischen Weltkongreß Genf, St. Ottilien, 31.05.1945, in: Themenhefte. Heft 2, a.a.O., S. 45 f.
  • KZGD* : 7429/1: ITS-Bericht der US-Armee vom 16.08.1950. *Gedenkstätte des Konzentrationslager Dachau.
  • KZGD: 15.786: Netherland. Tracing Mission: Evacuation of the C.C. Dachau and of the Kdo. Kaufering, Türkheim und Mühldorf, 28.04.1950.
  • IGG: Bayerische Verwaltung der staatl. Schlösser, Gärten und Seen: Schreiben vom 05.01.1994 Az.: A1-!2738/93 - Ib.
  • KZGD: 814/405: Liste von ehemaligen KZ-Grabstätten. Vgl. auch: Schreiben des Österreichischen schwarzen Kreuzes, Kriegsgräberfürsorge vom 21.11.1986.

Einzelheiten, einzelne Personen

  • Qiu Fazu, von vielen Chinesen als "Wunderarzt" verehrt, ist 94jährig gestorben. Er rettete gegen Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 als Chefarzt des Krankenhauses von Bad Tölz KZ-Insassen das Leben, die im "Todesmarsch von Dachau" durch die Stadt getrieben wurden. (derstandard.at, Bericht vom 16. Juni 2008.) Er hat die Prüfungsurkunde der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität sein Leben lang unbeschädigt bewahren können. Die Pergamentrolle vom November 1939 bescheinigte dem Humboldt-Stipendiaten aus China, alle Prüfungen mit Auszeichnung bestanden zu haben, um nach deutschen Anforderungen den Arztberuf ausüben zu dürfen.